Stillen – meine Haltung, unser Weg

Stillen ist ein Thema, dass polarisiert. Und oft sehr kontrovers diskutiert wird. In den Köpfen vieler Mütter scheint es da nur schwarz oder weiß zu geben. Entweder man stillt und ist eine tolle Mama, oder man stillt nicht und ist eine egoistische Rabenmutter. Ich denke, das ist absoluter Schwachsinn. Ich habe beides mitgemacht. Bei meinem ersten Kind haben wir mit der Flasche gefüttert, weil ich aufgrund diverser medizinischer Gründe nicht stillen durfte. Das war für mich anfangs schwer. Eben weil es da diese – nennen wir es mal Müttermafia – gibt. Mütter neigen dazu, einander ständig und wegen nahezu allem Druck zu machen.
Beim zweiten Kind durfte ich dann stillen. Und ich tue es immernoch. Seit 2 Jahren schon. Und es ist aktuell kein Ende in Sicht.
Mein Stillweg war eigentlich rückblickend bis jetzt komplikationslos. Ich hatte keine wunden Mamillen, mein Kind hat mich auch beim Zahnen nicht wund gebissen, kein Milchstau, keine Probleme wegen zu wenig Milch. Alles ein Traum.

Aber auch ich hatte Zweifel…

… Hatte ich wirklich genug Milch? Wurde mein Sohn auch wirklich satt? In den ersten drei Monaten kam er phasenweise gefühlt alle halbe Stunde. Und ja, ich hatte tatsächlich immer wieder diese leise Stimme im Hinterkopf, die sich fragte, ob er wirklich satt wurde. Ich belas mich viel, recherchierte immer wieder wie es bei anderen Müttern war. Und ich lernte was clusterfeeding ist. Mein Sohn wollte deshalb so oft an die Milchbar, weil die Nachfrage das Angebot regelt. Somit waren die ersten Zweifel weg. Mein Baby wurde langsam größer, zeigte aber tatsächlich das erste halbe Jahr kaum bis gar kein Interesse am Essen.

Unsicherheit von außen…

… Als mein Kind ca 8 Monate alt war, kamen die ersten die fragten “Wie? Du stillst immernoch?”. Ja, das tat ich. Mein Kind war doch gerade erst 8 Monate alt. Und im ersten Jahr ist die Muttermilch die Hauptnahrung des Säuglings. Selbst bei Flaschenkindern ist das so üblich. Witzigerweise bin ich bei meinem ersten Kind, welches ein Flaschenbaby war, nie gefragt worden “Wie? Er bekommt IMMERNOCH die Flasche?” Bei Stillkindern scheinen die Menschen da irgendwie überraschter, wenn eine Mama länger als ein paar Wochen stillt.
Rechtfertigen musste ich mich nie. Gefragt wurde ich dennoch. Ich wurde einmal gefragt, warum ich denn nicht inzwischen auf Flasche umgestiegen sei. Da musste ich tatsächlich erstmal überlegen, wie ich das denn verstehen sollte. Da ich aber die fragende Person gut kannte, wusste ich, dass sie es natürlich nicht böse meinte. Ich fragte sie, worin denn die Logik bestünde, meinem Kind (zu dem Zeitpunkt etwa ein dreiviertel Jahr alt) Milchpulvernahrung zu geben, die im Gegensatz zu meiner Muttermilch weder perfekt auf die Bedürfnisse meines Kindes abgestimmt, noch so kostengünstig ist. Klingt doch eigentlich logisch oder? Stillen ist, und da sind sich alle einig, denke ich, für die Kinder das absolut bestmögliche, was eine Mutter ihrem Kind geben kann. Die Milch ist IMMER verfügbar, ideal zusammengesetzt und perfekt temperiert. Was will ich denn mehr?

Langzeitstillen…

… Ich stillte meinen Sohn inzwischen über den ersten Geburtstag hinaus. Damit zählte ich dann wohl zu den Langzeitstillenden. Ich mag das Wort nicht. In meinen Augen gibt es kein Langzeitstillen. Es suggeriert, dass es unnormal ist, ein Kind länger als bis zum ersten Geburtstag zu stillen. Das ist es aber nicht. Das weltweit durchschnittliche Stillalter liegt bei ca 4 Jahren. In Deutschland wird durchschnittlich 7,5 Monate gestillt (von der Lippe, 2014).

Die amerikanische Anthropologin Katherine A. Dettwyler (2004) definiert Langzeitstillen allerdings erst ab dem 3. Geburtstag, also ab dem heutigen Kindergartenalter. Denn entsprechend ihren Forschungsarbeiten ist eine Stilldauer zwischen 2,5 und 7 Jahren die physiologische, artspezifische Norm für uns Menschen, d.h. Menschenkinder brauchen und erwarten eine solche Stilldauer. 2,5 Jahre betrachtet sie als das Minimum des normalen, physiologischen Stillalters.

https://www.still-lexikon.de/was-ist-langzeitstillen-und-wie-haeufig-kommt-es-vor-forschungsdaten/

Ich stille meinen Sohn inzwischen auf den Tag genau 2 Jahre. Ich werde ab und zu noch immer gefragt, ob ich denn immernoch stillen würde. Nun geht mein Sohn seit ein paar Tagen in die KiTa, idealerweise in die, in der ich selbst arbeite. Meine Kolleginnen fragten natürlich, ob wir noch stillen. Ich bejahte. Sie werten nicht. Wir haben in den vergangenen 2 Jahren oft darüber gesprochen. Ich habe oft meinen Standpunkt erläutert.

Zu einer Stillbeziehung gehören zwei.


Hin und wieder kommen Anmerkungen, dass man doch irgendwann auch wieder (Ehe-)frau sein möchte. Ich für meinen Teil fühle mich nicht weniger als Frau, als ich das vorher tat. Mein Mann und ich führen eine intakte Beziehung, auf allen Ebenen. 😉
Ich denke, solange das Kind zeigt, dass es das Stillen noch braucht und die Mutter sich damit wohl fühlt, spricht absolut nichts dagegen eine Stillbeziehung aufrecht zu erhalten. Auch mein Sohn muss damit leben, dass ich ihn nicht mehr überall und immer stille, wie ich es mit ihm tat, als er noch ein Neugeborenes war. Ich biete ihm die Brust auch nicht mehr aus meiner Initiation heraus an, ich verweigere sie ihm aber auch nicht, wenn er sein Bedürfnis dazu äußert und die Rahmenbedingungen für mich passen.

Es fiel mir anfangs tatsächlich oft schwer, meinen Standpunkt klar zu machen. Ich verstehe nicht, wieso sich Mütter zu derart privaten Themen rechtfertigen müssen. Ich vergleiche das gerne mit der Frage nach der Häufigkeit des Verkehrs mit dem Partner. Das fragt ja in der Regel auch keiner. 😉

Unser Weg…

Ich stille meinen Sohn jetzt seit 2 Jahren und ich habe noch nicht vor, das zu ändern. Wenn er nach der KiTa erstmal zum Stillen kommt, um selbst runterzukommen, dann ist das für mich absolut in Ordnung. Er verarbeitet auf diese Weise den turbulenten Vormittag in der KiTa. Und ich habe keinen Grund, ihm diese so liebevolle Art der Verarbeitungsmöglichkeit zu nehmen. Er fordert das stillen tagsüber in der Regel noch durchschnittlich 3 bis 4 Mal ein. Immer wenn es turbulent war oder er müde wird. Es ist seine Art sich kurz abzugrenzen. Vom sicheren Hafen aus die Lage zu checken. Kurz Kraft tanken. Sein Bedürfnis nach Nähe stillen.
Bei ihm steht die Nahrungsaufnahme schon lange nicht mehr im Fokus. Aber das muss sie auch nicht.
Denn Stillen ist so viel mehr, als bloße Nahrungsaufnahme.
Und jede Mama hat das Recht, über ihren Weg alleine zu entscheiden. Ich bin beide Wege gegangen. Und ich habe mich mit beiden Wegen wohl gefühlt.

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