Mein kleines großes Wunder

Wir schreiben das Jahr 2008. Ich wohne erst seit kurzem in Kassel und eine meiner ersten Handlungen war die Suche nach neuen Ärzten. Darunter auch eine neue Gynäkologin. Dort habe ich einen Termin. Meine Periode kommt sehr unregelmäßig. Oft monatelang gar nicht. Eigentlich kann ich mich nicht erinnern, wann ich sie überhaupt das letzte Mal hatte. Schwangerschaft konnte ich ausschließen. Die Gynäkologin auch. Sie stellte eine Zyste fest. Sie teilt mir teilnahmslos mit, dass ich den Kinderwunsch wohl aufgeben muss. Keine weiteren Erklärungen. Nichts. Ich traue mich nicht nach zu fragen. Ich nehme es erstmal so hin.

Ein kleiner Zeitsprung – und ein erneuter Umzug

2011. Frühjahr. Ich wohne seit einigen Monaten mit der Liebe meines Lebens zusammen. Wir hatten uns entschieden, nachdem ich meine Erzieherinnenprüfungen bestanden hatte, unseren Kinderwunsch einfach frei laufen zu lassen. Ich hoffte, es würde trotz der Aussage der Ärztin klappen. Meine Periode war immernoch sehr unregelmäßig, aber sie kam öfter als 2008. Ein guter Grund zu hoffen.

Ich arbeitete in einer KiTa und auch privat lief es für mich gut. Irgendwann merkte ich Veränderungen. Die Brüste spannten, und auch im Unterleib ziepte es. Ich machte voller Vorfreude einen Test nach der Arbeit. Negativ. Ich hatte mich wohl geirrt. Doch das Gefühl blieb. Ich machte wenige Tage später wieder einen Test nach der Arbeit. Diesmal war ich schlauer, kaufte gleich eine Doppelpackung. Ich wusste inzwischen dass man den Test eigentlich idealerweise morgens macht. Ich konnte nicht warten. Mein Gefühl sagte mir, da ist was. Ganz bestimmt. Zweiter Test: Negativ. Gut, ich hatte ja noch einen zweiten und den würde ich am nächsten Morgen machen.

Aus zwei mach drei..

Der nächste Tag war ein Samstag. Ich war vor meinem Mann wach. Leise schlich ich ins Bad, machte wieder den Test und er war sofort positiv. Ich sprang zu meinem Mann aufs Bett, hielt ihm den Test direkt vor die Nase. So nah, dass er mit verschlafenen Augen und völlig aus dem Tiefschlaf gerissen überhaupt nicht verstand, warum ich Flummi auf unserem Bett spielte. Der. Test. war. positiv. Ich war überglücklich. Gleich am nächsten Montag rief ich bei der Frauenarztpraxis in meinem neuen Wohnort an. Ich bekam einen schnellen Termin und war unfassbar aufgeregt, als ich in dem Wartezimmer saß. Dann durfte ich zu der Ärztin rein. Sie war freundlich, die Atmosphäre angenehm. Ich fühlte mich auf Anhieb wohl. Ich durfte auf den Stuhl und dann machte sie den Ultraschall. Da war es. Mein ganz persönliches kleines großes Wunder. Mein Baby. Als ich aus der Praxis raus war, musste ich erstmal heulen. Ich war so unfassbar glücklich. Ich war jetzt eine werdende Mama. Mama. Unfassbar verliebt in einen kleinen Zellhaufen mit pumpendem Punkt.

Und dann kam alles anders…

Die Schwangerschaft verlief nahezu komplikationslos. Es wuchs dieses wunderschöne Kind in meinem Bauch heran. Ich war in der 19. Schwangerschaftswoche als ich erfuhr, dass ich einen Sohn haben würde. Der Name stand sofort fest.
In den letzten Wochen machte sich ein schwacher Beckenboden spürbar und ich musste einen Gurt tragen.

Drei Wochen vor dem errechneten Entbindungstermin kam dann alles anders. Ich hatte einen Unfall beim Gassi gehen mit unserem Hund. Ich kam ins Krankenhaus. Mein Knie war ausgerenkt. Es wurde wieder eingerenkt, das Bein mit einer Gipsschiene geschient und ich lag dann da so rum. Am gleichen Abend kam die Hebamme aus meinem Geburtsvorbereitungskurs. Sie wollte nach mir schauen, dachte dass ich vielleicht schon in den Wehen lag, weil ich an diesem Abend den ersten und einzigen Termin des Kurses verpasst hatte.

Zwei Tage später werden die Schwestern und Ärzte unruhig. Ihnen gefällt mein Zustand nicht. Sie verlegen mich ins große Stadtkrankenhaus, 30km entfernt von zu Hause. Ich schlafe ständig ein. Morgens sagen mir die Ärzte, dass sie meinen Sohn holen müssen, weil mein Herz nicht gut aussah. Eine genaue Erklärung bekam ich erst Wochen später. Sie rufen meinen Mann an, sagen ihm dass er kommen soll. Ich werde für den OP vorbereitet und weiß nur noch, dass ich den Schwestern um mich herum sagte, wie mein Sohn heißen sollte. Dann schlafe ich wieder ein.

… als geplant

Als ich das nächste Mal aufwache bin ich allein. An meinem Bett piept es in einer Tour und ich kann mich nicht richtig bewegen.
Als mein Mann kommt, bringt er unseren Sohn mit. Ich sehe zum ersten Mal mein Baby. Dieses wunderschöne Porzellanpüppchen. Ich kann nicht glauben, wie wunderschön er ist. Als mein Mann ihn mir in den Arm legt ist mein erster Gedanke, dass er unfassbar schwer zu sein scheint. Ist er nicht. Er wiegt nur 3,2kg und ist winzige 49cm klein. Und perfekt. Hab ich schon erwähnt, wie unfassbar perfekt dieses wunderschöne Baby war?

Mein eigener kleiner Horrorstreifen

Mein Mann erzählt mir grob, was passiert war. Er spricht von einer Thrombose. Und einer zweifachen Lungenembolie. Die Ärzte kämpften lange um mein Leben. Sie sagten meinem Mann immer wieder, dass es nicht gut aussah. Als sie ihn morgens anriefen war es halb zehn. Als sie ihm Entwarnung gaben, war es wieder halb zehn. Aber am Abend.

Ich lag 8 Tage auf der Intensivstation. Die Schwestern waren so unfassbar lieb. Sie brachten mir ganz oft mein Baby. Und abends kam mein Mann und brachte unseren Sohn auch wieder mit.
Dann wurde ich auf die Kardiologie verlegt. Dort sah ich meinen Sohn dann nur noch abends, wenn mein Mann kam. Es war furchtbar. Die Schwestern wimmelten mich immer wieder ab. Sie hätten kein Personal um mein Kind zu holen.

Kurz vor meiner Entlassung durfte ich zu meinem Sohn auf die Station. Dort war eine Schwester, an die ich mich optisch überhaupt nicht mehr erinnere. Aber sie gab mir ein echt mieses Gefühl. Ich saß in einem Rollstuhl, mein Sohn lag in einem Glasbettchen. Diese kippbaren Kästen. Sie kippten ihn an, damit ich ihn bequemer streicheln konnte. Dann sollte ich ihn wickeln. Naturgemäß rutscht das Kind im Bettchen runter, wenn es zappelt und in einem gekippten Bettchen liegt. Die Schwester guckte abschätzig und sagte: “Ich hoffe, dass Ihr Mann zu Hause ist, wenn Sie entlassen werden!” Ja, das würde er sein. Aber diese Art war nicht nötig.

Endlich zu hause

Nach insgesamt 17 Tagen durfte ich nach Hause. Endlich. Zu Hause angekommen, durfte ich endlich Mama sein. Die ersten Monate waren schwierig. Sie spielten sich zwischen unserem Sofa und unserem Bett ab. Und einmal die Woche präsentierten wir unseren Sohn der Welt, wenn wir einkaufen gingen. Meinen ersten Spaziergang mit ihm alleine machte ich, als er vier Monate alt war. Und ich endlich wieder laufen konnte. Ich war so stolz. Dieses wunderschöne perfekte Baby. Und es war meins!

Zu seinem ersten Geburtstag schrieb ich meinem Sohn diesen Brief


Mein kleines Wunder,

Heute vor einem Jahr sind wir im Kasseler Klinikum angekommen. In 5 Stunden bist du genau 1 Jahr und 30 Minuten alt.
Dein Start war sehr turbulent. Wir zwei wissen es noch nicht, aber in 4 Stunden wird ein Arzt sich Mamas Herz angucken und feststellen, dass es verzweifelt mit einer Thrombose kämpft. Deswegen bekommt Mama kaum Luft, und sie fangen an mich für den OP vorzubereiten. Ein anderer Arzt kommt und sagt, dass sie dich jetzt sofort holen werden, und er ruft Papa an, sagt ihm, dass er sofort kommen soll, aber keine große Hoffnung besteht, dass er uns Beide mit nach Hause nehmen wird.
Auf den Weg in den OP sage ich den Ärzten wie du heißen wirst, dann wird es für mich dunkel.
Um 10:05 bist du da, dein Papa noch nicht, aber er ist auf dem Weg, er bringt deine Oma mit.


Du bist kerngesund, und putzmunter, naja, glaub ich. Papa sagt, du hast gepennt, als er dich das erste Mal sah. Du warst so winzig, nur 49cm, und 3230 Gramm, und er konnte nicht glauben, dass er dich wirklich anfassen kann; stell dir mal seinen Blick vor, als die Schwester ihn fragte ob er dich mal auf den Arm nehmen möchte. Dein Papa hatte so Angst dass du kaputt gehst. Aber die hatte er auch schon, wenn er den Bauch eincremen sollte, in dem du gewachsen bist.
Während dein Papa dich bestaunt, kämpft Mama um ihr Leben
.
Und darum ihr Versprechen an dich nicht zu brechen. 38 Wochen lang hab ich dir täglich versprochen, dass ich immer für dich da sein werde, dass du auf mich zählen kannst und ich dich niemals verlassen werde. Dieses Versprechen kann ich unmöglich brechen.
Die Ärzte machen keine großen Hoffnungen, es sieht, salopp gesagt, scheiße für ein Leben zu dritt aus. Aber Mama macht, was sie am besten kann. Einfach das, was sie will und sie will leben. Für dich. Für deinen Papa.
Für deinen Papa war der Tag deiner Geburt eine Gratwanderung zwischen Angst und Freude. Aber am Ende siegt die Freude, denn er sieht, wie Mama der Beatmungsschlauch gezogen wird, und sie alleine atmet. Die Ärzte sagen ihm, dass ich über den Berg bin. Und alles wieder gut wird. Papa geht dir Gute Nacht sagen und fährt heim.
Ich werde dich morgen begrüßen, jetzt muss ich schlafen und Kraft sammeln, damit ich dich endlich in den Armen wiegen kann.


Das alles ist ein Jahr her. Und aus den 49cm Baby sind inzwischen 71cm Tasmanischer Teufel geworden. Unser Leben ist keineswegs ruhiger als der Tag deiner Geburt, aber immerhin nicht so dramatisch.
Jeder einzelne Tag des vergangenen Jahres zeigt mit deutlich, was für ein verdammtes Glück ich habe. Ich habe ein wundervolles Kind, einen (meistens) umwerfenden Papa für dieses Kind und erfreue mich wieder bester Gesundheit. Durch die Ereignisse vor einem Jahr weiß ich, was Glück wirklich ist. Und du bist für uns einfach das größte Glück der Welt.
Heute brennen auf deinem Geburtstagskuchen 2 Kerzen. Eine für dich, eine für mich
.

Mama und Papa wünschen dir zu deinem ersten Geburtstag alles alles Gute. Wir lieben dich – so wie nur Eltern ihr Kind lieben können.

In Liebe
Deine Mama


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