(K)Ein Küsschen für Oma.

Kürzlich auf Instagram

Eine Bloggerin schrieb, wieso sie ihre Kinder nicht von Oma und anderen Verwandten knuddeln und küssen lässt, wenn die Kinder dies offensichtlich nicht wollen. Jede Mama kennt ihr Kind und kann seine Körpersprache deuten. Davon gehe ich nun einfach mal aus.
Nun bloggte also diese Mama, dass ihre Kinder eben nicht von der lieben Verwandtschaft zu Körperkontakt gedrängt werden darf. Sie bekam daraufhin eine Nachricht, von einem ihrer Follower. Die sagte sinngemäß aus, dass Kinder da einfach durch müssten. Dass es ja wohl nicht zu viel verlangt sei, der Oma ein Küsschen und eine Umarmung zu geben, oder der lieben Tante oder oder oder.

Übergriff oder kein Übergriff?

Wenn ich so etwas lese, krempeln sich mir die Fußnägel hoch. Es wird davon ausgegangen das es völlig legitim ist, dass das Kind sich dem Willen der Erwachsenen beugt. Dass es GEGEN seinen Willen Küsschen und Umarmungen verteilt und/oder über sich ergehen lässt. Natürlich freuen sich Omas, wenn sie von den Enkeln gedrückt werden. Und natürlich freuen sie sich auch, wenn sie mal ein Küsschen bekommen. Aber kann es denn wirklich in unserem Interesse sein, unsere Kinder zu derartigen Zuneigungsbekundungen zu drängen? Was lernt ein Kind daraus, wenn wir zu ihm sagen: “Gib doch der Oma mal ein Küsschen!” Was lernt unser Kind daraus, wenn wir es nicht schützen, wenn die Oma sich das Küsschen einfach erzwingt?

Unsere Kinder sind uns voll und ganz ausgeliefert. Sie vertrauen darauf, dass wir seine Interessen wahren und es immer beschützen. Ich denke darin sind wir uns alle einig. Und ich finde es unbegreiflich, wie es selbstverständlich sein kann, seinem Kind solche Übergriffe zuzumuten. Denn genau das ist es was es ist. Es sind Übergriffe. Das Kind möchte nicht gedrückt werden, aber wird dazu gedrängt, weil Oma sich ja drüber freuen würde. Dass das Kind aber auch ein Recht hat, über seinen Körper selbst zu entscheiden, wird dabei außer Acht gelassen.

Vertrauensbruch

Nun drängt also Mama darauf, dass das Kind der Oma ein Küsschen gibt. Das Kind möchte dies nicht, “muss da aber einfach mal durch”, weil “ist ja nicht so schlimm, und die Oma freut sich”. Ja. Die Oma freut sich. Aber das Kind macht dies nicht freiwillig. Es handelt gegen seinen Willen, weil WIR das von ihm verlangen. Wir überschreiten damit eine Grenze. Eine sehr wichtige Grenze.
Wir haben die Aufgabe, unseren Kindern Selbstwertgefühl zu vermitteln. Sie selbstbewusst zu machen. Kinder brauchen das Wissen, dass seine persönlichen Grenzen gewahrt werden. Wir wollen, dass unsere Kinder zu integeren, selbstbewussten und starken Persönlichkeiten heranwachsen. Dass sie sich behaupten und abgrenzen können. Verlangen aber im Umkehrschluss, dass sie sich küssen und knuddeln lassen, wenn das ein nahestehender Erwachsener gerne möchte. Paradox, oder?

Das Recht auf Unversehrtheit

Kinder haben ein Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit. Das steht so schon im Grundgesetz. Dazu gehört nun mal auch, dass ihre persönlichen Grenzen geachtet und respektiert werden. Und genau das liegt in unserer Verantwortung als Eltern. Wir haben unseren Kindern gegenüber einen Schutzauftrag. Es ist unsere zuoberst liegende Pflicht, unsere Kinder zu schützen.

Wie war das in unserer Kindheit?

Sind wir doch mal ehrlich. Wenn wir an unsere Kindheit zurück denken. Viele von uns haben das als Kinder selbst durch. Oma´s und Großtanten kniffen gerne in die Wangen. Gerne mit dem Satz “Du bist aber groß geworden” oder “ach was bist du ein hübsches Kind”. Haben wir uns als Kinder nicht auch gewünscht, dass diese Wangenkniffe und erzwungenen Küsschen uns erspart bleiben?
Wieso erinnern wir uns nicht an das Gefühl, welches wir als Kinder hatten? Dann würde es den meisten von uns viel leichter fallen, eben für unsere Kinder einzustehen. Sie vertrauen uns.

Eine Frage des Respekts?

Noch ein Aspekt, den wir nicht vergessen sollten. Respekt. Wir fordern diesen von unseren Kindern. Für uns. Für andere Erwachsene. Kinder sollen sich respektvoll uns gegenüber verhalten.
Aber ist Respekt nicht etwas, was auf Gegenseitigkeit basiert?
Wir verlangen, dass unsere Kinder die Grenzen anderer wahren. Sie sollen nicht hauen, nicht schubsen, keinem anderen sonst irgendwie weh tun. Das ist eine Frage des Respekts, dem Anderen gegenüber.
Wo ist der Respekt für unser Kind, wenn wir es nötigen, gegen seinen Willen körperliche Zuneigungsbeurkundungen zu verteilen und über sich ergehen zu lassen? Merkst du was?

Was passiert da eigentlich?

Wenn wir also diese Grundeinstellung haben: “Ist doch nicht so schlimm” und die Grenzen unserer Kinder immer wieder und wieder überschritten werden?
Das Kind lernt, dass sein Wille über den eigenen Körper nicht zählt. Es ist nicht wichtig, was das Kind zulassen möchte und was nicht. Es erfährt keinen Schutz durch die Eltern. Keine Achtung seiner eigenen Grenzen.
Jetzt denken wir mal ganz scharf nach. Wo wird das wohl hinführen?
Richtig. Die Übergriffe werden mehr. Und schlimmer. Da ist dann irgendwann die Gefahr groß, dass es nicht beim Kuss für Oma bleibt. Die Gefahr ist da, dass das Kind verinnerlicht hat, dass es andere mit sich machen lassen muss was andere wollen.

Was wir tun können

Ja, ein Küsschen für die Oma ist augenscheinlich nicht schlimm. Wenn das Kind dies möchte. Ohne Zwang. Ohne Druck. Völlig freiwillig.
Wir sind der Schutz unseres Kindes. Wenn wir merken, dass unser Kind eine Berührung jedweder Art nicht will, ist es unsere Aufgabe dafür zu sorgen, dass die Grenzen unseres Kindes gewahrt werden.
Auch -oder sogar gerade? – Oma versteht, wenn wir ihr sagen, dass es eben kein Küsschen geben wird. Dass das Kind sie nicht umarmen muss.
Wir müssen für unser Kind einstehen.
Zuneigung kann man über so viele Wege zeigen. Es braucht keine erzwungenen Umarmungen und Küsse.

Ich habe von Anfang an deutlich gemacht, dass mein Kind zur Begrüßung nicht das “gute Händchen” geben muss. Es muss höflich hallo sagen. Aber meine Kinder brauchen keine Hand geben. Und die Verwandtschaft bei unseren Kindern weiß auch, dass keine Küsse und Umarmungen verteilt werden, so lange es nicht vom Kind ausgeht. Meine Kinder zeigen ihre Zuneigung für die Omas. Sie lieben ihre Omas. Beide. Aber hier gilt, wenn das Kind nicht den ersten Schritt macht “Küssen verboten”.



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2 Replies to “(K)Ein Küsschen für Oma.”

  1. Hallo liebe Kleinstadtwölfin ☺
    Ich bin genau deiner Meinung. Meine Kinder habe ich auch so erzogen, wenn es nicht von ihnen ausgeht, lasst die Umarmungen oder das Knutschen. Die Kids werden es schon zeigen, wenn sie eine Umarmung oder ein Küsschen haben wollen 😊

    1. Genau so denke ich nämlich auch. Und bei uns haben das beide Seiten Großeltern anstandslos akzeptiert und können damit ganz wunderbar leben. Zumal sie ja wissen, dass die Enkelkinder sie lieb haben. Auch ganz ohne “Gib Oma ein Küsschen”.

      Ich weiß noch, wie ich es als Kind gehasst habe, wenn mir auf Familienfeiern von der lieben entfernten Verwandten ins Gesicht gekniffen wurde, weil ich ja so groß geworden sei. Ja, das bin ich auch ganz ohne Kneifen geworden. ^^

      Ich danke dir für deinen lieben Kommentar. =)

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