Ein Tag in meinen Schuhen

Aufwachen. Sich fragen, wie spät (oder früh) es ist. Auf die Uhr schauen. 4:26 Uhr. Fuck. Schon wieder viel zu früh wach. Ok. Liegen bleiben und strugglen. 5:34 Uhr. Die Blase hat gewonnen. Ich stehe auf. Wo ich schonmal im Bad bin, kann ich auch gleich duschen. Haare sehen eh aus wie – ach lassen wir das.

Fertig geschminkt, unter den wachsamen Augen der einzig weiblichen Mitbewohnerin – meiner Katze – mache ich den Fön an. Zwei Minuten später: Herzinfarkt. Das Kleinkind steht plötzlich neben mir. Nicht gehört, der Fön war zu laut. Das Kind beschwert sich. “Mama weg. Ich nicht schlafen kann. Papa ist ein Schnarchbär.” Baby I feel you.

Das Kleinkind hat Hunger. Es will einen “großen Joghurt”. Natürlich mit dem blauen Löffel und Wasser aus dem roten Glas. Das Glas vom Wunderkind. Toll. Ich freu mich schon. Alternativen findet das Kleinkind doof. Ich Diskussionen mit dem Wunderkind auch. Aber gut, ich bin erwachsen, also diskutiere ich. Das Kleinkind ist happy. Joghurt, blauer Löffel, rotes Glas. Alles easy.

Ich packe Brotdosen. Das Wunderkind will nur einen geschnittenen Apfel. Wie schon die letzten Jahre. Das Kleinkind braucht ne Snackbox. Ein Minibuffet in der Edelstahldose.

Kaffee. Da war doch was. Fast vergessen. Blick auf die Uhr. 6:40 Uhr. Das Wunderkind müsste mal aufstehen. Also einmal wecken gehen. Das Wunderkind will nicht. Ach was? Ist ja ganz was Neues! 7:04 Uhr. Jetzt wird es langsam eng. Der Stresspegel steigt. Wiederholte Aufforderung ans Wunderkind endlich aufzustehen und sich anzuziehen.

Das Kleinkind soll sich anziehen lassen. Es will lieber spielen. Na klar, was sonst?!
Das Wunderkind kommt auch endlich runter. Angezogen. Die Frage nach frischen Socken wird mit “Hab ich doch erst *beliebiges Datum in der Vergangenheit einfügen* frisch angezogen. Ok. Eklig, aber ok. Nicht noch mehr Theater. Er soll sich was zu essen für jetzt machen. Keine zwei Minuten später Gemotze wegen dem Glas. Ich hab es ja vorher gewusst.

7:28 Uhr. Wir sitzen zu dritt im Auto – zwei genervt voneinander. Abwurf Kleinkind an der KiTa, und Wunderkind an der Schule. 10 Minuten Ruhe auf der Fahrt zur Arbeit.

13:05 Uhr. Ich sitze im Auto und fahre los um das Kleinkind aus der KiTa zu holen. Im Kopf habe ich die To do Liste für den Nachmittag. Das Wohnzimmer sieht aus wie ein Wimmelbild und Wäsche muss ich auch noch machen. Im Kopf die leise Hoffnung, dass das Wunderkind wenigstens die Spülmaschine schon ausgeräumt hat. Die einzige Aufgabe, die er im Haushalt hat. 13:34 Uhr, ich komme mit dem Kleinkind zu Hause an.

Das Wunderkind hat natürlich keine Spülmaschine ausgeräumt. Begründung: “Keine Lust gehabt”. Schön. Ich auch nicht. Von der Lehrerin weiß ich, dass er in der Notbetreuung nichts von dem gemacht hat, was er hätte tun sollen. Also müssen wir das auch noch machen. Natürlich hat das Wunderkind keinen Bock. Das Kleinkind will spielen. Und einen Apfel ohne Schale. Natürlich, wenn´s weiter nichts ist.

Das Wunderkind sitzt widerstrebend am Tisch. Die Schulaufgaben liegen vor ihm, alles Aufgaben, die wir schon gefühlt 2000x gemacht haben. Könnte also in 30 Minuten Geschichte sein. Spoiler: Ist es natürlich nicht, weil wäre zu einfach.
Er kann das nicht. Und sowieso ist alles doof. Schule blöd, und Lust hat er ja auch keine. Er will lieber spielen. Natürlich. Hätte er seine Aufgaben gemacht, könnte er das tun. Wir sitzen da. schon 40 Minuten ohne auch nur einen Buchstaben geschrieben zu haben. Inzwischen beide bockig.

Meine to do Liste verschiebt sich auf morgen. Sobald ich aufstehe tut es das Wunderkind auch. Ganz toll, läuft ja. Na wenigstens das Kleinkind spielt mehr oder weniger friedlich mit seinen Legos. Das mit dem Wimmelbild hat sich auf die Küche ausgeweitet. Na da.. Ich brauch Kaffee. Und Urlaub. Schon 17:50 Uhr. Ich habe noch NICHTS geschafft von dem was ich schaffen wollte. Das Wunderkind bockt immernoch. Er soll Vokale mit nachfolgendem h einkreisen. Kann er nicht. Er weiß nicht was Vokale sind. (Natürlich weiß er das!) Inzwischen habe ich ihm so oft entgegengeschleudert was Vokale sind, dass der ganze Ort weiß, was Vokale sind. Sorry, aber wir machen dieses Theater seit einem Jahr mit und ich habe inzwischen eine sehr kurze Zündschnur.

18:20 Uhr. Ach guck, auf einmal ging es ganz schnell. Wer hätte das gedacht?
Abendessen. Das Kleinkind will Schokoladenbrot. Ich biete die Alternativen Wurst oder Käse. Er will Tomaten. Na gut, auch schön. Das Wunderkind will ein Käsebrot aus der Mikrowelle. Das Kleinkind jetzt auch. Ok.
18:40 Uhr. Zähne putzen, Schlafanzug und Bett. Die Kinder auch. Das Kleinkind will wieder lieber spielen und das Wunderkind beschwert sich, dass es heute ja noch gar keine Zeit zum spielen hatte. Natürlich meine Schuld.

19:48 Uhr. Das Kleinkind schläft. Und ich struggle schon wieder. Versuche ich noch zwei Sätze mit dem anderen Erwachsenen in diesem Haus zu wechseln? Soll ja ganz nett sein, sich mit anderen Erwachsenen zu unterhalten. Hab ich mal irgendwo gehört. Ach, mit dem kann ich auch morgen noch reden. heute will ich nur noch meine Ruhe. Ich bin müde. Nicht körperlich, aber mental.
Der Mann lässt mich wissen, dass das Wunderkind wieder unerlaubt am PC war, sein Eis gegessen hat, und er neben dem Eisbecher unter dem Sofa auch einen halb gegessenen Apfel gefunden hat, während er aus dem Kinderzimmer leere Kuvertürepackungen und getrocknetes Brot geholt hat. Schön. Ich mag nicht mehr. Der Tag kann weg. So wie 80% der Tage des vergangenen Jahres.

Related Post

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.